Markus einfach lesen

Würde sie das wirklich durchziehen? Der Bischof hatte nicht damit gerechnet, und vermutlich auch die meisten der etwa 80 anwesenden Pastoral- und Gemeindereferenten und –referentinnen nicht: daß die Professorin und Bibelwissenschaftlerin Dr. Sandra Huebenthal, die man zum „Tag der Pastoralen Dienste“ eingeladen hatte, darauf verzichten würde, einen gelehrten Vortrag zu halten und stattdessen den Teilnehmern zumutete, das Markusevangelium in seiner vollen Länge zu lesen bzw. vorgetragen zu bekommen, 90 Minuten lang. Markus ist das kürzeste Evangelium.
„Anders als frühe Christen kennen wir biblische Texte nicht am Stück, sondern in den kleinen Abschnitten, in denen sie in Liturgie, Pastoral und Schule zum Einsatz kommen“, begründete sie ihre Entscheidung. Unser Blick sei geschult, Details wahrzunehmen und sie mit unseren eigenen Lebens- und Glaubenserfahrungen zu vernetzen. „Wenn man einen Schritt zurücktritt und nicht nur Perikopen, sondern ganze biblische Bücher hört, zeigt sich, wie stark der Kontext Verstehen bedingt: Es ist ein Unterschied, ob eine Statue von Zeus in einem Museum, einer Kirche, einem Festzelt oder einer Schule steht und ob die Heldin einer Geschichte zuerst schwimmen lernt, zuerst die gute Fee trifft oder zuerst in den großen Fluss fällt.“ Und so ist es eben auch mit der Bibel, in der Menschen Jesus treffen, glauben lernen und in Gott hinein fallen können. Die einzelnen Perikopen erzählen je eigene Geschichten, aber diese Geschichten stehen in einem größeren Kontext und im Zusammenhang der narrativen Theologie des jeweiligen Evangeliums. Manche Themen und Motive kehren immer wieder und erschließen sich durch die Orte und Situationen, in die hinein die Verfasser sie verwoben haben. Viele Fragen, meint Sandra Huebenthal, lassen sich erst beantworten, wenn man den ganzen Text kennt. Und daher muß man ihn lesen, ungekürzt, vom ersten bis zum letzten Kapitel, auch dann, wenn man meint, die Geschichte in- und auswendig zu kennen und eineinhalb Stunden Langeweile befürchtet. Man hätte sich darauf einstellen können, denn in der Einladung war zu lesen gewesen, was auf die Teilnehmer zukommen würde, nur hatten letztere vielleicht nicht beachtet oder auch nicht ernst genommen, was da angekündigt war: Markus in voller Länge. Und am Ende stand die Frage, die den Verfasser des Markusevangeliums über 16 Kapitel hinweg bewegt: Wer ist dieser Jesus? Den Teilnehmern wurde am Ende ebenfalls nur die eine Frage gestellt: Wer ist Jesus für mich? Die Bibelreferentin (der es zugekommen war, die „Rolle“ des Jesus zu lesen), hat es für sich formuliert:

Jesus
undiplomatisch zugewandt
Gott direkt
ungeduldig
wenn es ums Gottesreich geht
nachsichtig
wenn es um die Menschen geht
in allem sehr
entschieden

(AP)

Die blaue Mauritius

Wer, wie die Bibelreferentin, ein Exemplar der im September 2016 vorgestellten Erstauflage der revidierten Einheitsübersetzung in Händen hält, dürfe sich glücklich schätzen, meinte der emeritierte Tübinger Neutestamentler und Vorstandsvorsitzende des kbw Michael Theobald am 27. März 2017 auf einer Tagung in Stuttgart. Man könne diese erste Auflage aufgrund ihrer noch zu bereinigenden Unvollkommenheiten nur mit der legendären „Blauen Mauritius“ vergleichen, deren Erstausgabe zu den wertvollsten philatelistischen Sammlerstücken zählt. Kenner der Materie bezweifeln inzwischen allerdings, daß der Erstdruck der Marke ein Fehldruck gewesen sei, was ihren Nimbus freilich nicht mehr beeinträchtigen wird. Ob es die Erstausgabe der revidierten Einheitsübersetzung zu vergleichbarer Berühmtheit schaffen wird, bleibt noch abzuwarten, doch zumindest eine Veränderung im Text hätte das Zeug dazu. So lautete das Gleichnis von den zwei Söhnen in Mt 21,28-32 in der Einheitsübersetzung von 1980 folgendermaßen:

Was meint ihr? Ein Mann hatte zwei Söhne. Er ging zum ersten und sagte: Mein Sohn, geh und arbeite heute im Weinberg! Er antwortete: Ja, Herr!, ging aber nicht. Da wandte er sich an den zweiten Sohn und sagte zu ihm dasselbe. Dieser antwortete: Ich will nicht. Später aber reute es ihn und er ging doch. Wer von den beiden hat den Willen seines Vaters erfüllt? Sie antworteten: Der zweite […]

Der zuständige Revisor berücksichtigte nun eine Korrektur des Textes in der 28. Auflage von Nestle-Alands Novum Testamentum Graece, wo man die ursprüngliche Reihenfolge wiederhergestellt hatte, wonach der erste Sohn derjenige ist, der sich zunächst weigert, in den Weinberg zu gehen, dann aber doch geht. Das Gleichnis ist in der revidierten Einheitsübersetzung überschrieben mit: „Das Gleichnis vom willigen und vom unwilligen Sohn“ und lautet nun folgendermaßen:

Was meint ihr? Ein Mann hatte zwei Söhne. Er ging zum ersten und sagte: Mein Kind, geh und arbeite heute im Weinberg! Er antwortete: Ich will nicht. Später aber reute es ihn und er ging hinaus. Da wandte er sich an den zweiten und sagte zu ihm dasselbe. Dieser antwortete: Ja, Herr – und ging nicht hin. Wer von beiden hat den Willen seines Vaters erfüllt? Sie antworteten: Der zweite […]

Ganz abgesehen davon, daß letztere Variante (EÜ 2016) logischer ist, weil der Herr nach dem Ja des ersten Sohnes (EÜ 1980) eigentlich keinen Grund mehr hätte, den zweiten zu fragen, so ist sie auch die ursprünglichere, die von der frühen Kirche allerdings bald umgestellt wurde, um die damalige christliche Sicht auf die Heilsgeschichte zum Ausdruck zu bringen: Das Gleichnis wurde als Allegorie auf die Ablehnung Jesu durch das Judentum gelesen, das sich zwar zum Bund mit Gott bekenne, die Konsequenzen daraus aber nicht ziehe und die Erfüllung der göttlichen Verheißung in Jesus Christus nicht anerkenne. Mit den Heiden hingegen verhalte es sich umgekehrt. Wer aber hat nun den Willen des Vaters erfüllt? Der griechische Text in NA 28 meint: ὁ πρῶτος, ho protos, der Erste…
Es wird eine neue Auflage geben, und sie wird diesen Fehler korrigiert haben. Ich aber werde deswegen meine „blaue Mauritius“ nicht weggeben, denn gerade an ihren Schwachstellen weiß sie viel zu erzählen.

Die neue Einheitsübersetzung

Das neue Heft der Zeitschrift „Bibel und Kirche“ stellt die beiden großen deutschen Bibelübersetzungen und ihre Überarbeitungen vor. (Pressemitteilung des Katholischen Bibelwerks e.V. vom 13. Februar 2017)

Den beiden frisch überarbeiteten, großen deutschen Bibelübersetzungen, der Lutherbibel und der Einheitsübersetzung, widmet die Zeitschrift Bibel und Kirche je ein Themenheft. Das erste Heft Martin Luther und seine Bibel ist vor wenigen Tagen erschienen, nun liegt auch das Heft zur neuen Einheitsübersetzung vor. Es bietet ein breites Spektrum an Beiträgen.

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Die Einheitsübersetzung ist im Vergleich zur Lutherbibel jung. Kaum jemand kennt jedoch die Geschichte der katholischen Volksbibeln, die es seit der Reformationszeit gab. Sie basieren meist auf der Vulgata, der seit dem Konzil von Trient kirchenamtlichen Bibel der lateinischen Kirche.
Ein Überblicksartikel von Markus Lommer stellt die Vielfalt dieser Volksbibeln vor. Das Katholische Bibelwerk gab 1960 den Impuls für eine einheitliche katholische deutsche Übersetzung, aus dem 1961 ein Arbeitsauftrag der deutschsprachigen Bischöfe für eine „Einheitsübersetzung“ wurde.
Christoph Dohmen, Mitarbeiter an der Revision, beschreibt das Grundanliegen der Übersetzung aus den 1960er Jahren und das, was jetzt für die Revision als Maßstab galt. Eine kritische Reflexion dieser Vorgaben und der Methoden der Entscheidungsfindung legt Walter Kirchschläger vor.
Am Beispiel der Psalmen erläutert Egbert Ballhorn die Herausforderungen der Revision hinsichtlich solcher Texte, die durch Liturgie und kirchliches Leben besonders vertraut sind, die aber aufgrund der bibelwissenschaftlichen Forschung als dringend revisionsbedürftig angesehen wurden. Die Eigenheiten und die Bildsprache des hebräischen Textes sollten stärker zu Geltung kommen, ebenso geprägte Formulierungen, die sich durch den gesamten Psalter ziehen.
Besonders heikel bei Bibelübersetzungen sind Juden- oder Israelfeindliche Texte im Neuen Testament. Michael Theobald zeigt in seinem Beitrag zu den Israel-Kapiteln des Römerbriefs (Kap. 9-11) auf, wie die veränderten Übersetzungsentscheidungen theologisch neue Aussagen treffen, die auch besser in die paulinische Theologie passen. Die Revision des Römerbriefs zeigt somit wesentlich mehr Achtung gegenüber dem Judentum.
Auch hinsichtlich der Beachtung von Frauen hat die Theologie sich weiterentwickelt. Wie weit sich dies in der überarbeiteten Einheitsübersetzung niederschlägt, bewertet Maria Neubrand MC.
Die revidierte Einheitsübersetzung glättet weniger Risse, die in den ursprachlichen Texten sichtbar sind. Außerdem weisen die Veränderungen gegenüber dem Text von 1980 auf andere textkritische Entscheidungen hin. Das bietet nach Ansicht von Detlef Hecking vom Schweizerischen Katholischen Bibelwerk Chancen für die Bibelpastoral. Sein Plädoyer findet sich ebenfalls in Bibel und Kirche.
Und ein Hinweis: Die Evangelische Kirche in Deutschland und die Deutsche Bischofskonferenz haben gemeinsam mit ihren Bibelwerken eine Bibeltagung in Stuttgart veranstaltet, die sich beiden Übersetzungen und ihren neusten Überarbeitungen gewidmet hat. Eine Zusammenfassung der Tagung sowie weitere Materialien zur revidierten Einheitsübersetzung sind auf der Seite des Bibelwerks zu finden.

Und auf Erden Friede bei den Menschen seiner Gnade

Ehe ich, mitten im Advent, aufbreche ins Heilige Land, um in Tabgha am See Genesaret Exerzitien zu machen, um in der Bibliothek der der École biblique zu recherchieren, und, last but not least, um am Heiligen Abend nach Betlehem zu pilgern, möchte ich allen Freunden und Freundinnen des Bibelreferats frohe Weihnachten wünschen – dieses Jahr mit einem Jesuskind, das nicht aus dem „Heiligen Land“ stammt, sondern aus „heidnischem Gebiet“, jedenfalls zur Zeit der Evangelien und aus deren Perspektive.
Im vergangenen August bin ich mit Jesus im „Gebiet von Tyrus und Sidon“ (Mt 15,21) unterwegs gewesen. Auf einem Hügel südöstlich von Sidon, das auf Arabisch Saida genannt wird, liegt die Stadt Maghdouché mit dem Wallfahrtsort Notre Dame de Mantara oder Saidet el-Mantara. Der Name stammt vom arabischen Wort matara, „warten“, und „Saidet el-Mantara“ ist „die Dame, die wartet“ – in diesem Fall Maria, die in einer Höhle wartet, während ihr Sohn Jesus in der Gegend von Tyrus und Sidon predigt und Wunder wirkt. Das ist natürlich eine Überlieferung aus dem Bereich der Legende. Die Evangelien von Matthäus (Mt 15,21-28) und Markus (Mk 7,24-30) hingegen erzählen eine bemerkenswerte Episode, in der Jesus auf Bitten einer heidnischen Mutter deren Mädchen heilt, gegen seinen eigenen anfänglichen Widerstand. Jesus, überzeugt, daß seine Zuständigkeit an den Grenzen der jüdischen Religion endet, reagiert zunächst mit einem harten Wort: „Es ist nicht recht, das Brot den Kindern wegzunehmen und den Hunden vorzuwerfen“ (Mk 7,27), wobei mit den „Hunden“ eindeutig die Heiden gemeint sind. Die Frau reagiert klug: „Ja, du hast recht, Herr! Aber auch für die Hunde unter dem Tisch fällt etwas von dem Brot ab, das die Kinder essen.“ (Mk 7,28) Jesus versteht sofort, und das Kind ist geheilt.
In Sidon besuchten wir eine kleine Töpferwerkstatt der Kleinen Schwestern Jesu, einer Gemeinschaft, deren Mitglieder an die Ränder der Gesellschaft gehen und selbst unter einfachsten Bedingungen leben. Im Libanon arbeiten sie u.a. in palästinensischen Flüchtlingslagern, und sie tun dies mit jener unverkennbaren Leichtigkeit, die sich auch in das Lächeln des tönernen Jesuskindes eingezeichnet hat, das ich hier gekauft habe. Mit seinem Lächeln und seinen ausgestreckten Armen wünsche ich allen frohe Weihnachten und ein gesegnetes neues Jahr 2017!

161210weihnachtsgruss

Und weil das Jahr 2017 mit der am Nikolaustag erschienenen revidierten Einheitsübersetzung viele neue Impulse setzen wird, lade ich Sie und Euch ein, zusammen mit dem Bibelreferat die Heilige Schrift neu zu erkunden. Das Programm für das kommende Jahr ist schon im Wachsen begriffen.

Andrea Pichlmeier

Von der Heilkraft des Glaubens

Libanesische Betrachtungen
(erschienen in Christ in der Gegenwart 41/2016)

Im Museum war es mir gar nicht aufgefallen, erst beim Sichten meiner Fotos zuhause entdecke ich, daß das Kind, dessen Gesichtszüge so gar nicht in das klassische „Kindchenschema“ passen wollen, mit der rechten Hand einen Vogel umklammert, vermutlich ein Spielzeug. Auch im Alten Orient durften Kinder spielen, jedenfalls Kinder wie dieser kleine Prinz. Der König von Sidon hatte seinen Sohn fast lebensgroß in Marmor meißeln lassen: eine pummelige Gestalt von vielleicht drei oder vier Jahren, die sich, zur Hälfte in eine Decke gehüllt, auf ihrem Bettchen aufrichtet und den Betrachter herausfordernd anblickt.
Die ungewöhnliche Statue aus dem 5. Jahrhundert v. Chr. ist eine Weihegabe an den phönizischen Gott Eschmun, der in einem Tempel am Awalifluß, zwei Kilometer außerhalb von Sidon, verehrt wurde. Eschmun galt als Heilgott, auf sein Wirken vertrauten vor allem die Eltern kranker Kinder. Wer das Heiligtum aufsuchte, brachte Geschenke mit, entweder um den Gott gnädig zu stimmen, oder um ihm für die gewährte Gnade zu danken. Die Motivationsgeschenke und Votivgaben aus dem Bustan es-Schech („Garten des Scheich“) genannten Eschmunheiligtum sind heute im Beiruter Nationalmuseum zu sehen.
Eschmun war ein beliebter Gott. Sein Name taucht in vielen phönizischen Vornamen auf, immer in Verbindung mit einer Eigenschaft, die dem Träger des Namens Schutz und Heil mit auf den Weg geben sollte. Eschmun war Retter, Befreier, Beschützer, Helfer, Tröster. In griechischen Texten wird er mit Asklepios gleichgesetzt, dem wohl bekannteren Gott der Heilkunst. Wie Asklepios besaß auch Eschmun einen Stab, um den sich eine Schlange windet.
Seine besondere Heilkraft aber übte Eschmun auf das Wasser aus, das aus einer Quelle in seinem Heiligtum sprudelte. Das Wasser spielt sowohl in der Heilkunst, als auch in der Religion bis heute eine wichtige Rolle. Im Alten Orient waren Heil und Heilung nicht zu trennen. Das Wasser reinigte von Schuld, und es reinigte von Krankheit, denn es waren die Götter, die dem Wasser diese Kraft verliehen. Das erfährt auch Naaman, ein aramäischer General aus dem zweiten Buch der Könige, in der alttestamentlichen Lesung der katholischen Liturgie dieses Sonntags. Er ist an Aussatz erkrankt, heißt es, vielleicht aber handelt es sich auch nur um eine hartnäckige Hautkrankheit, denn der Umgang mit anderen Menschen ist Naaman nicht verboten. Seine israelitische Sklavin empfiehlt ihm, den Propheten Elischa aufzusuchen, einen Gottesmann aus dem biblischen Gottesvolk. Naaman ist es einen Versuch wert, er geht zu Elischa und bringt, wie es üblich ist, reichlich Geschenke mit. Er wird sie nicht brauchen. Am meisten überrascht und erzürnt ihn sogar, daß Elischa nichts von alledem tut, was er erwartet hatte. Es gibt kein magisches Ritual, keine Beschwörungsformel, nicht einmal ein Gebet. Naaman soll nur zum Jordan hinuntergehen und siebenmal untertauchen. Eine ganz profane Handlung, die man auch in den edleren Wassern von Damaskus ausführen könnte, befindet der hochdekorierte General. Er fühlt sich betrogen und läßt sich nur durch das Drängen seiner Diener dazu bewegen, der Anweisung des israelitischen Gottesmannes wenigstens eine Chance zu geben. „Da wurde sein Leib gesund wie der Leib eines Kindes, und er war rein“ (2 Kön 5,14), heißt es, und Naaman begreift, daß Heilung keine Zauberei ist, sondern ein Gottesgeschenk.
Auch die zehn Aussätzigen, die Jesus im Lukasevangelium begegnen, werden nie erfahren, wie genau ihre Heilung zustande gekommen ist. Ihnen bleibt nur, sie von den dafür zuständigen Priestern bestätigen zu lassen. Für einen jedoch ist die Heilung zur Gottesbegegnung und Jesus zum Gottesort geworden. Er dankt. Und Jesus schickt ihn weg mit dem Wort: „Dein Glaube hat dir geholfen.“ (Lk 17,19) Der biblische Glaube ist überzeugt, daß Heilung, wie das Leben überhaupt, nur von Gott kommen kann. Nicht Elischa heilt, und auch nicht Jesus, sondern Gott. Elischa und Jesus aber eröffnen Räume für Gott, in denen seine Heilkraft sich entfalten kann. Vielleicht hat ja auch Eschmun, dessen Name mit dem hebräischen Wort Maschiach, „Messias“, verwandt ist, auf seine Weise nichts Anderes getan. (AP)

Kulturerbe Psalmen

„Die Psalmen sind Gebrauchstexte“, schrieb der evangelische Theologe Ingo Baldermann, „erst im täglichen Gebrauch zeigen sie ihre Stärke.“ Von diesem „täglichen Gebrauch“ handelt das neue Heft von Welt und Umwelt der Bibel (WUB 4/2016). Es beschäftigt sich mit der Praxis des Psalmgebets in verschiedenen Jahrhunderten und gibt Einblick auch in die kultische Praxis in alttestamentlicher und frühjüdischer Zeit. Psalmen sind bis heute Teil gelebter Gebetspraxis in Judentum und Christentum, sie gehören zur Spiritualität monastischen Lebens, sie haben Maler und Dichter inspiriert, sie sind „Gebete der Menschheit“. Wer die Welt der Psalmen näher kennenlernen und ihre spirituelle Kraft erfahren möchte, sollte dieses Heft auf keinen Fall missen. Es kann über das Katholische Bibelwerk e.V. bezogen werden. (AP)

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Heilig?

Die Medien berichten von Anschlägen, von Verletzten und Toten, zuzeiten täglich, sonst in größeren Abständen. Durch die Gesellschaft geht ein tiefer Riß, und dabei gibt es ist nicht nur die schier unüberwindbare Kluft zwischen den Palästinensern und Israelis, getrennt durch eine hohe, stacheldrahtbewehrte Mauer, sondern Spannungen und Verwerfungen auch innerhalb der palästinensischen und jüdischen Bevölkerungsteile selbst. Säkulare und ultraorthodoxe Juden werfen einander vor, dem Land zu schaden, nationalreligiöse Israelis scheuen keinen Konflikt beim Bau von Siedlungen im Westjordanland, und an der Klagemauer müssen Männer und Frauen in getrennten Sektionen beten.
Zwischen dem religiös-fundamentalistischen und dem eher säkular-pragmatischen Lager innerhalb der palästinensischen Gesellschaft flammen immer wieder offene Feindseligkeiten auf. Nach zwei blutigen Intifadas mit zahlreichen Selbstmordanschlägen und hunderten von Toten hat die Gewalt andere, subtilere Formen angenommen.
Die Christen diesseits und jenseits des „separation barrier“ genannten Sicherheitszaunes sitzen zwischen allen Stühlen. Aber auch sie bilden nicht unbedingt eine Einheit, wie die unter sechs christlichen Konfessionen aufgeteilte Grabeskirche zeigt.
Dennoch wird dieses Land seit Jahrhunderten „Heiliges Land“ genannt und von jüdischen, christlichen und muslimischen Pilgern aufgesucht, denn hier befinden sich die heiligsten Stätten von Judentum, Christentum und Islam.

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Ein „Schlüssellochblick“ in die Betlehemer Geburtsgrotte

29 Seitenblicke

Wie kann man ein so widersprüchliches Land „heilig“ nennen? Was überhaupt macht das „Heilige“ aus, wie manifestiert es sich? Und warum liegt es oft so beängstigend nahe an den dunklen Seiten der Menschheit?
Dieser Frage stellten sich die Initiatoren und Initiatorinnen der Ausstellung „Heilig?“, die am 1. Oktober 2016 in den Räumen der Alten Kellermeisterei in Passau eröffnet wurde. Die 29 teilweise großformatigen Fotografien entstanden alle während einer Israelreise im September 2015, geleitet von der Bibelreferentin der Diözese Passau, Dr. Andrea Pichlmeier. In einem langen Prozeß, der sich über mehrere Monate hinzog, wählten vier Mitglieder der 20köpfigen Reisegruppe – die Kurator/innen Tanja und Peter Kemper, Dr. Edyta Opyd und Dr. Andrea Pichlmeier – aus 4926 Bildern jene aus, mit denen sie sich der Herausforderung des Themas nähern wollten. „Seitenblicke auf das Heilige Land“, so war der Arbeitstitel, denn man sollte nicht zu sehen bekommen, was in jedem Reiseführer abgebildet ist. Die Perspektive sollte eine flüchtige, zufällige sein. Und so sind nun Bilder zu sehen voller Melancholie, aber auch Bilder mit Humor und Lebenslust, und Bilder, in die sich erlebter Schrecken eingezeichnet hat. Die Ausstellung bewegt sich leicht und fast spielerisch zwischen Poesie und Politik, sie blickt mit scheuem Respekt auf verschiedene Ausdrucksformen von Religion und spielt mit dem Zauber des Orients, den jeder nachempfinden kann, der je einen arabischen Suq besucht hat.

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Hier wie dort

Willkommen im Heiligen Land

„Welcome to the Holy Land!“ Mit diesen Worten hat Michael McGarry, ehemaliger Leiter des Ökumenischen Instituts Tantur und einer meiner Jerusalemer Lehrer, lächelnd jene Neulinge empfangen, die sich das Heilige Land so ganz anders vorgestellt hatten. „Und wie soll man das Land sonst nennen?“, fragte Jerome Murphy O’Connor, auch er einer meiner Lehrer, Dominikaner und Professor für Neues Testament an der Jerusalemer École biblique, der einen populärwissenschaftlichen Führer zur Archäologie des Landes verfaßt hat: The Oxford Archaeological Guide to the Holy Land. „Heiliges Land“, wurde er anläßlich der Präsentation der 5. Auflage seines Buches im Jerusalemer American Colony Hotel gefragt, ist das nicht eher eine Bezeichnung, die über einem Pilgerführer stehen sollte? Hier handle es sich aber um ein Sachbuch mit vielen historischen Details und archäologischen Skizzen, sollte man dafür nicht einen anderen Begriff finden? Welchen wollen Sie nehmen?, war Jerrys Antwort. „Israel“ ist ebenso politisch wie „Palästina“, die „Westbank“ oder das „Westjordanland“ umfaßt nur einen Teil des Landes, den wiederum Juden „Judäa und Samaria“ nennen, die Palästinenser hingegen „Die besetzten Gebiete“. Jeder Ort, jeder Landstrich hat im Lauf seiner Geschichte mehrere Namen angezogen, und keiner davon ist neutral. Fast jeder Name enthält Sprengstoff und wäre schon für sich allein geeignet, Konflikte vom Zaun zu brechen, denn das Land ist nicht nur einzelnen Menschen, sondern ganzen Völkern heilig.

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Poesie und Politik

Das Heilige und die Gewalt

Im „Heiligen Land“ müssen vor allem mitteleuropäische Christen ihre Vorstellungen vom „Heiligen“ revidieren. Das Heilige ist nicht harmlos. Hier geht es nicht um Heiligenschein und bürgerlich-christliches Wohlverhalten, sondern um die Deutung der Welt. Es geht um Sehnsucht und Heimat, um Macht und Ehre, um Besitzansprüche und Verlusterfahrungen, oft genug um Leben und Tod. Religion ist nicht privat wie im aufgeklärten Deutschland, sondern durchtränkt von Nationalismus und oft gefährlich nahe an der Gewalt. Es gibt viele und kluge Überlegungen dazu, warum dies so ist, und die Begleitveranstaltungen zur Ausstellung werden sich auch mit dem Phänomen von Religion und Gewalt auseinandersetzen, aber die Begegnung mit dem Heiligen Land geht tiefer. Hinter dem Tremendum, der ersten und immer wiederkehrenden Erschütterung, wartet die Erfahrung des Faszinosum. Die Farben des Lebens entwickeln eine ungeahnte Intensität, der Augenblick ist dichter als irgendwo sonst, und manche sagen, auch Gott sei hier näher. Ich glaube, sie haben recht, und man sollte die Bilder der Ausstellung, die bald auch in einem Online-Katalog zu sehen sein werden, einmal danach befragen. (AP)

Barmherzigkeit – jetzt!

Libanesische Betrachtungen
(erschienen in Christ in der Gegenwart 39/2016)

Es sind kaum Leute zu sehen zwischen den grauen und weißen Zelten am Straßenrand. Aber es ist auch Mittagszeit, und vielleicht haben sie sich zurückgezogen in die Kühle ihrer provisorischen Behausungen, soweit eine Zeltplane bei 30 Grad überhaupt Kühlung spenden kann.
Wir sind in der libanesischen Bekaa-Ebene unterwegs, nahe der syrischen Grenze, über die sie sich geflüchtet haben vor den Kämpfen in ihrem Land. Nun sind sie in Sicherheit, aber es ist ihnen nicht viel mehr geblieben, als ein Zelt zum Schutz vor der Sonne.
Flüchtlinge machen im Libanon inzwischen mehr als ein Drittel der Bevölkerung aus, das Land kommt an seine Grenzen. Oft fällt der Strom aus, die vorhandenen Kapazitäten decken den Bedarf nicht mehr. Man arrangiert sich, Klagen sind nicht zu hören. Und natürlich gibt es auch die andere Welt, in der das Leben nichts zu kosten scheint. Nicht weit von den staubigen Zelten entfernt liegt Schloß Kefraya mit seinem schattigen Garten und den ausgedehnten Weinbergen. Der Libanon ist eines der ältesten Weinanbaugebiete der Welt. Man lädt uns zu einer Weinprobe ein, und das elegante Restaurant bietet erlesene Speisen an. Die gegensätzlichen Welten liegen eng beieinander. Das spüren die Menschen inzwischen auch in Europa. Und längst nicht alle, die es bis an die Tür des europäischen Hauses geschafft haben, sind vor Kriegen geflohen. Oft ist es die Hoffnung auf ein besseres Leben, die Menschen in Gang setzt. Und plötzlich sind sie da und möchten ihren Hunger nach Leben und Zukunft mit dem stillen, was vom Tisch der reichen Länder abfällt.
Das Lukasevangelium ist weit davon entfernt zu moralisieren. Es erzählt nur. Und es überzeichnet, gewiß. Denn natürlich kann man die Gegensätze dieser Welt nicht einfach schwarz und weiß malen, und gut oder böse nennen. Aber man kann diese Gegensätze aus einer anderen Perspektive sehen, und vielleicht täte es den gegenwärtigen gesellschaftlichen Debatten gut, einmal mit den Augen des Lukas (wahrscheinlich war er sogar ein „Reicher“) auf das zu schauen, was uns unbedingt angeht.
Die Geschichte ist bekannt, sie wird in der katholischen Liturgie dieses Sonntags erzählt. Ein Mensch führt ein luxuriöses Leben und scheint nichts Anderes zu kennen als den Glanz und die Freude des Festes. Es ist der Himmel auf Erden. Und dann gibt es einen, der „Lazarus“ genannt wird, und der Name bedeutet „Gott hilft“. Zunächst aber sieht es aus, als sei Lazarus gänzlich von Gott verlassen. Nichts an ihm scheint mehr heil zu sein, sein Leben erinnert eher an das Dahinvegetieren eines geschundenen Tieres als an eine auch nur im entferntesten menschenwürdig zu nennende Existenz. Und so sind denn auch Hunde die Einzigen, die Lazarus Gesellschaft leisten. Hier endet die Geschichte. Sie endet mit dem Tod des Einen wie des Anderen. Und dann führt Lukas uns in eine Welt, die niemand je betreten hat und die auch er nicht kennt, die aber so real ist wie das Leben, das wir führen. Zeitlebens verlassen wir uns darauf, daß der der Schmerz überwunden werden oder die Freude erhalten bleiben kann. Doch irgendwann kommt der Augenblick, da nichts mehr geändert und auch nichts festgehalten werden kann. Die Freude des reichen Menschen löst sich ebenso auf wie der Schmerz des armen. Der christliche Glaube läßt mit dem Tod jedoch den Menschen nicht enden, und Lukas erzählt nun, wie sich der Verlust des bisherigen Lebens im anderen, „jenseitigen“, auswirkt. Der Arme erfährt Trost, der Reiche Qual. Lazarus, heißt es, „wurde von den Engeln in Abrahams Schoß getragen“ (Lk 16,22), er ist erlöst. Der reiche Mensch hingegen konnte nichts von seinem bisherigen Leben „hinüberretten“, außer seiner Maxime: Es ging ihm zeitlebens ausschließlich um sich selbst. Nun bittet er Abraham: „Schick Lazarus.“ Ihn, den er im Leben noch nicht einmal wahrgenommen hat, spricht er auch jetzt nicht direkt an, und es erweckt fast den Anschein, als wolle er nun über ihn verfügen wie über sein einstiges Dienstpersonal.
Diese Geschichte hat sich nicht ereignet, sie ist ein Gleichnis. Sie erinnert daran, daß alles, was wir tun, irgendwann nicht mehr zu ändern ist, daß es aber jederzeit geändert werden kann. Es wäre gut, wenn Lazarus jetzt geholfen würde. Man muß ihn nur sehen, und man kann mit ihm reden. Lazarus hat viele Gesichter, denn „Gott hilft“ auf vielerlei Weise. Vielleicht muß man die Welt nur hin und wieder aus einer „jenseitigen“ Perspektive anschauen, aus der Perspektive des Lukas, mit den Augen Jesu. (AP)

Bist du es?

Unter diesem Motto steht die Ökumenische Bibelwoche 2017 mit Texten aus dem Matthäusevangelium. Die Materialien dazu werden von der Arbeitsgemeinschaft Missionarische Dienste (AMD), der Deutschen Bibelgesellschaft und dem Katholischen Bibelwerk e.V. herausgegeben und sind jetzt im Verlag Neukirchener Aussaat erschienen.
„Bist Du der, der kommen soll, oder müssen wir auf einen anderen warten?“ Mit dieser Frage schickt Johannes der Täufer in Mt 11,3 seine Jünger zu Jesus, und dieser Frage geht auch die Ökumenische Bibelwoche nach: Wer ist Jesus, und was bedeutet er für mich und uns?
Das Arbeitsbuch und die Teilnehmerhefte können ab sofort im Buchhandel oder über die Versandbuchhandlung des Bibelwerks erworben werden. (AP)