Die blaue Mauritius

Wer, wie die Bibelreferentin, ein Exemplar der im September 2016 vorgestellten Erstauflage der revidierten Einheitsübersetzung in Händen hält, dürfe sich glücklich schätzen, meinte der emeritierte Tübinger Neutestamentler und Vorstandsvorsitzende des kbw Michael Theobald am 27. März 2017 auf einer Tagung in Stuttgart. Man könne diese erste Auflage aufgrund ihrer noch zu bereinigenden Unvollkommenheiten nur mit der legendären „Blauen Mauritius“ vergleichen, deren Erstausgabe zu den wertvollsten philatelistischen Sammlerstücken zählt. Kenner der Materie bezweifeln inzwischen allerdings, daß der Erstdruck der Marke ein Fehldruck gewesen sei, was ihren Nimbus freilich nicht mehr beeinträchtigen wird. Ob es die Erstausgabe der revidierten Einheitsübersetzung zu vergleichbarer Berühmtheit schaffen wird, bleibt noch abzuwarten, doch zumindest eine Veränderung im Text hätte das Zeug dazu. So lautete das Gleichnis von den zwei Söhnen in Mt 21,28-32 in der Einheitsübersetzung von 1980 folgendermaßen:

Was meint ihr? Ein Mann hatte zwei Söhne. Er ging zum ersten und sagte: Mein Sohn, geh und arbeite heute im Weinberg! Er antwortete: Ja, Herr!, ging aber nicht. Da wandte er sich an den zweiten Sohn und sagte zu ihm dasselbe. Dieser antwortete: Ich will nicht. Später aber reute es ihn und er ging doch. Wer von den beiden hat den Willen seines Vaters erfüllt? Sie antworteten: Der zweite […]

Der zuständige Revisor berücksichtigte nun eine Korrektur des Textes in der 28. Auflage von Nestle-Alands Novum Testamentum Graece, wo man die ursprüngliche Reihenfolge wiederhergestellt hatte, wonach der erste Sohn derjenige ist, der sich zunächst weigert, in den Weinberg zu gehen, dann aber doch geht. Das Gleichnis ist in der revidierten Einheitsübersetzung überschrieben mit: „Das Gleichnis vom willigen und vom unwilligen Sohn“ und lautet nun folgendermaßen:

Was meint ihr? Ein Mann hatte zwei Söhne. Er ging zum ersten und sagte: Mein Kind, geh und arbeite heute im Weinberg! Er antwortete: Ich will nicht. Später aber reute es ihn und er ging hinaus. Da wandte er sich an den zweiten und sagte zu ihm dasselbe. Dieser antwortete: Ja, Herr – und ging nicht hin. Wer von beiden hat den Willen seines Vaters erfüllt? Sie antworteten: Der zweite […]

Ganz abgesehen davon, daß letztere Variante (EÜ 2016) logischer ist, weil der Herr nach dem Ja des ersten Sohnes (EÜ 1980) eigentlich keinen Grund mehr hätte, den zweiten zu fragen, so ist sie auch die ursprünglichere, die von der frühen Kirche allerdings bald umgestellt wurde, um die damalige christliche Sicht auf die Heilsgeschichte zum Ausdruck zu bringen: Das Gleichnis wurde als Allegorie auf die Ablehnung Jesu durch das Judentum gelesen, das sich zwar zum Bund mit Gott bekenne, die Konsequenzen daraus aber nicht ziehe und die Erfüllung der göttlichen Verheißung in Jesus Christus nicht anerkenne. Mit den Heiden hingegen verhalte es sich umgekehrt. Wer aber hat nun den Willen des Vaters erfüllt? Der griechische Text in NA 28 meint: ὁ πρῶτος, ho protos, der Erste…
Es wird eine neue Auflage geben, und sie wird diesen Fehler korrigiert haben. Ich aber werde deswegen meine „blaue Mauritius“ nicht weggeben, denn gerade an ihren Schwachstellen weiß sie viel zu erzählen.

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