Markus einfach lesen

Würde sie das wirklich durchziehen? Der Bischof hatte nicht damit gerechnet, und vermutlich auch die meisten der etwa 80 anwesenden Pastoral- und Gemeindereferenten und –referentinnen nicht: daß die Professorin und Bibelwissenschaftlerin Dr. Sandra Huebenthal, die man zum „Tag der Pastoralen Dienste“ eingeladen hatte, darauf verzichten würde, einen gelehrten Vortrag zu halten und stattdessen den Teilnehmern zumutete, das Markusevangelium in seiner vollen Länge zu lesen bzw. vorgetragen zu bekommen, 90 Minuten lang. Markus ist das kürzeste Evangelium.
„Anders als frühe Christen kennen wir biblische Texte nicht am Stück, sondern in den kleinen Abschnitten, in denen sie in Liturgie, Pastoral und Schule zum Einsatz kommen“, begründete sie ihre Entscheidung. Unser Blick sei geschult, Details wahrzunehmen und sie mit unseren eigenen Lebens- und Glaubenserfahrungen zu vernetzen. „Wenn man einen Schritt zurücktritt und nicht nur Perikopen, sondern ganze biblische Bücher hört, zeigt sich, wie stark der Kontext Verstehen bedingt: Es ist ein Unterschied, ob eine Statue von Zeus in einem Museum, einer Kirche, einem Festzelt oder einer Schule steht und ob die Heldin einer Geschichte zuerst schwimmen lernt, zuerst die gute Fee trifft oder zuerst in den großen Fluss fällt.“ Und so ist es eben auch mit der Bibel, in der Menschen Jesus treffen, glauben lernen und in Gott hinein fallen können. Die einzelnen Perikopen erzählen je eigene Geschichten, aber diese Geschichten stehen in einem größeren Kontext und im Zusammenhang der narrativen Theologie des jeweiligen Evangeliums. Manche Themen und Motive kehren immer wieder und erschließen sich durch die Orte und Situationen, in die hinein die Verfasser sie verwoben haben. Viele Fragen, meint Sandra Huebenthal, lassen sich erst beantworten, wenn man den ganzen Text kennt. Und daher muß man ihn lesen, ungekürzt, vom ersten bis zum letzten Kapitel, auch dann, wenn man meint, die Geschichte in- und auswendig zu kennen und eineinhalb Stunden Langeweile befürchtet. Man hätte sich darauf einstellen können, denn in der Einladung war zu lesen gewesen, was auf die Teilnehmer zukommen würde, nur hatten letztere vielleicht nicht beachtet oder auch nicht ernst genommen, was da angekündigt war: Markus in voller Länge. Und am Ende stand die Frage, die den Verfasser des Markusevangeliums über 16 Kapitel hinweg bewegt: Wer ist dieser Jesus? Den Teilnehmern wurde am Ende ebenfalls nur die eine Frage gestellt: Wer ist Jesus für mich? Die Bibelreferentin (der es zugekommen war, die „Rolle“ des Jesus zu lesen), hat es für sich formuliert:

Jesus
undiplomatisch zugewandt
Gott direkt
ungeduldig
wenn es ums Gottesreich geht
nachsichtig
wenn es um die Menschen geht
in allem sehr
entschieden

(AP)

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