Neu im Markusevangelium

Suche Frieden.“ Unter diesem Motto fand der 101. Deutschen Katholikentag in Münster statt. Die Bibelreferentin der Diözese Passau und Diözesanleiterin des Katholischen Bibelwerks wurde angefragt, am 11. Mai eine „Bibelwerkstatt“ zu leiten. Es ging um das Markusevangelium und darum, wie scheinbar subtile Veränderungen in der Übersetzung theologische Inhalte neu zur Geltung bringen.

Programmauszug

Sogleich

Das Lebenstempo unserer Zeit scheint sich ständig zu erhöhen, das Tempo des Glaubens nimmt ab. Auch wenn die Kirche Gott im Heute verkündet, im Bewußtsein der meisten Christen ist dafür auch später noch Zeit. Die Christen des Anfangs scheinen es anders empfunden zu haben. Das Markusevangelium, dem Stand der Forschung nach das älteste der vier kanonischen Evangelien, beginnt mit einer geradezu atemberaubenden Geschwindigkeit. Kaum ist der Anfang aufgerufen („wie geschrieben steht beim Propheten Jesaja“…), reiht sich eine Szene an die andere: Jesus kommt, läßt sich von Johannes taufen, und sogleich, als er aus dem Wasser steigt, sieht er, wie der Himmel aufreißt und der Geist wie eine Taube auf ihn herabkommt. Dieses „sogleich“, das griechische euthys, kommt in den 16 Kapiteln des Markusevangeliums insgesamt 42mal vor, 11mal davon allein im ersten Kapitel. In keinem anderen Evangelium wird euthys so oft verwendet wie bei Markus. Wo Jesus auftritt, reagiert alles sogleich: Der Himmel zerreißt, der Geist treibt ihn in die Wüste. Und diese Wüste ist mehr als Sand und Stille. Es ist eine verwüstete Welt, in die Jesus eintritt. Sein Name ist Programm: „Gott wird retten“. Jesus zögert nicht: Er sieht Menschen und sogleich ruft er sie. Und die sich von seinem Ruf treffen lassen, treffen sogleich eine Entscheidung und folgen Jesus nach. Und sogleich sind da auch die Kranken und die Besessenen, sogleich werden sie geheilt und befreit, und sogleich erfährt alle Welt davon.
Mag sein, daß die Leser und Leserinnen des Markusevangeliums im ersten Jahrhundert sich gefragt haben, nicht anders als Leser und Leserinnen im 21. Jahrhundert: Wo bleibt der rettende Gott? Es ist kein Zufall, daß sich das Erzähltempo im Markusevangelium verlangsamt, sobald Jesus im Alltag „ankommt“. Schon im zweiten Kapitel muß er sich mit Schriftgelehrten und Pharisäern auseinandersetzen, bei den Leuten kommen erste Fragen auf. Jesus wird buchstäblich „eingebremst“, er muß verweilen und sich erklären – ganz so, wie es vermutlich auch den Jüngern und Jüngerinnen der dritten Generation – es sind die Adressaten und Adressatinnen des Markusevangeliums – widerfährt. Und es fällt auf, daß das im ersten Kapitel geradezu penetrant wiederholte euthys im Lauf des Evangeliums abnimmt. In Galiläa flammt es noch einige Mal auf, doch auf dem Weg nach Jerusalem und vor allem in Jerusalem selbst wird es selten, am Grab verstummt es ganz. In Jerusalem findet das Leben und Wirken Jesu ein jähes Ende, und als Markus sein Evangelium schreibt, hat auch Jerusalem selbst mit der Eroberung durch die Römer im Jahr 70 sein Ende gefunden. Gewalt und Krieg haben einmal wieder gesiegt, das Gottesreich scheint ferner denn je.
Das Markusevangelium kennt kein „happy end“, es erzählt in seiner ursprünglichen Form nicht von Erscheinungen des Auferstandenen, sondern schickt seine Leser und Leserinnen mit dem Wort des Boten im Grab immer wieder zurück an den Anfang: Geht nach Galiläa, dorthin, wo alles beginnt, ungeduldig, ungestüm, euthys. Kaum ein anderes Wort vermag das nahegekommene Gottesreich (vgl. Mk 1,15) so sehr zu charakterisieren wie dieses euthys, das nun auch die revidierte Einheitsübersetzung wieder sichtbar werden läßt, denn: Dein Glaube mag erlahmen, das Gottesreich tut es nicht. Ergreife den Moment, da es auf dich zukommt, jetzt, sogleich.

Hinter mich

Nicht wenige Leser und Leserinnen nehmen Anstoß an der Stelle in Mk 8,33, an der Jesus Petrus zurechtweist und ihn einen „Satan“ nennt. Dabei ist das griechische Wort epitimao mit „zurechtweisen“ auch in der revidierten Einheitsübersetzung noch abgeschwächt wiedergegeben. Man könnte auch sagen: Jesus herrscht Petrus an. Was ist der Grund? Jesus ist mit seinen Jüngern auf dem Weg nach Jerusalem und stellt ihnen die „Gretchenfrage“: „Ihr aber, für den haltet ihr mich?“ (Mk 8,29) Und Petrus antwortet, wie auswendig gelernt: „Du bist der Christus!“ Das ist der Titel, den das Markusevangelium gleich im ersten Vers des ersten Kapitels nennt, und mit dem das griechische Neue Testament den hebräischen Begriff maschiach, „Messias“ wiedergibt: der Gesalbte. Damit scheint Petrus das Wesentliche gesagt zu haben, das es von Jesus zu sagen gibt, aber es stellt sich heraus, daß er sein eigenes Wort nicht begreift. Als Jesus den Jüngern klarmacht, was dieser Titel beinhaltet – verworfen und getötet zu werden -, herrscht Petrus Jesus an. Er hält ihn offenbar für verrückt, besser gesagt, für besessen. Auch hier steht das Wort epitimao, und auch hier bedeutet es mehr als „zurechtweisen“. An anderen Stellen kommt es zum Einsatz, wenn Jesus Dämonen austreibt, so z.B. in Mk 1,25 bei einem Mann, der von einem unreinen Geist besessen ist, in Mk 3,12, wo Jesus gleich mehreren von unreinen Geistern Besessenen begegnet, oder in Mk 4,39, wo Jesus den Wind und den See anherrscht, die das Boot der Jünger in Bedrängnis gebracht haben. Angeherrscht werden lebenswidrige Mächte, oder Dämonen.
Doch nicht Jesus ist „besessen“ zu nennen, sondern Petrus, denn: „Du hast nicht das im Sinn, was Gott will, sondern was die Menschen wollen.“ (Mk 8,33) Der Satan als Inbegriff der Dämonen hat Petrus den Blick verstellt für Jesu Weg und Auftrag, und damit stellt sich Petrus Jesus in den Weg. Die Einheitsübersetzung von 1980 hatte den Sachverhalt sinngemäß zutreffend wiedergegeben: „Geh mir aus den Augen.“ Was mir vor Augen steht, steht vor mir und mir dabei möglicherweise im Weg. Das ist das Wesen und die Absicht des „Satan“, jener Kraft im Leben vermutlich eines jeden Menschen, die dem im Weg steht, was Erlösung bringen könnte.
Wenn die revidierte Einheitsübersetzung die Aufforderung Jesu nun wörtlich wiedergibt: opiso mou, „(tritt) hinter mich“, dann kommt hier mehr zum Ausdruck als ein bloßer Tadel. Es ist die Aufforderung zur Nachfolge, das Wort, mit dem Jesus seine ersten Jünger beruft: „Mir nach!“ (Mk 1,17) Nachfolgen bedeutet im ganz wörtlichen Sinn, hinter jemandem her zu gehen (vgl. Mk 1,20). Der Platz des Jüngers und der Jüngerin ist hinter Jesus, denn Jesus – das bezeugt das Evangelium vom ersten Vers an – kennt den Weg vom Tod zum Leben. Wir kennen den Weg vom Leben zum Tod, er wird uns täglich vor Augen geführt. Wie Petrus versuchen wir, dem Tod so gut es geht auszuweichen. Und wahrscheinlich würden viele, nicht anders als Petrus, Jesus im Hof des Hohenpriesters, verleugnen (vgl. Mk 14,68ff).
Das Evangelium richtet sich an Menschen, die sich entschieden haben, Jünger und Jüngerinnen Jesu zu sein. Es erinnert sie daran, worauf es ankommt: „hinter Jesus her zu gehen“ (vgl. Mk 8,34). Das ist ihr Platz, ebenso wie es der Platz des Petrus ist. Es ist der Platz aller, die Jesus nachfolgen. Nur ein Satan wird seinen Platz nicht finden hinter Jesus, opiso autou.

Aufgerissen

Im Augenblick des Todes Jesu, erzählt das Markusevangelium (15,38f), reißt der Vorhang im Tempel von oben bis unten entzwei. In dieser Notiz scheint eine historische Erinnerung an die Eroberung Jerusalems durch die Römer und die Zerstörung des Tempels im Jahr 70 auf. Der jüdisch-römische Geschichtsschreiber Josephus Flavius berichtet, daß Titus, der Oberbefehlshaber der römischen Truppen, in das Allerheiligste des Tempels eingedrungen sei, das allein der jüdische Hohepriester einmal im Jahr, am großen Versöhnungstag, betreten durfte. Es war der Ort des nahen und zugleich unsichtbaren, unbegreifbaren Gottes, der von sich selbst nicht mehr und nicht weniger kundtut als „Ich bin, der ich bin.“ (Ex 3,14)
In seinem Roman „Der jüdische Krieg“ aus dem Jahr 1959, in dem er die Aufzeichnungen des Josephus Flavius verarbeitet, schildert der jüdische Schriftsteller Lion Feuchtwanger den Moment, in dem der römische Feldherr den entmachteten jüdischen Gott in Augenschein nehmen will: „Hoch und kühl, unberührt von der Hitze und dem wüsten Getobe draußen, hob sich der heilige Raum. (…) Mit der kurzen, breiten Hand greift Titus nach dem Vorhang. Hinter ihm spähen gespannt die Gesichter seiner Offiziere (…) Was ist hinter dem Vorhang? Der Prinz reißt ihn zurück. Ein dämmeriges, nicht großes Geviert zeigt sich. Titus tritt ein. Es riecht nach Erde und nach sehr altem Holz. Der nackte, unbehauene Stein ist da, der den Hügel gipfelt, eine große, beklemmende Einsamkeit, sonst nichts.“
Als Jesus stirbt, ist der jüdische Tempel noch unversehrt. Als das Markusevangelium von seinem Tod erzählt, haben dieselben Machtverhältnisse, die schon zur Zeit Jesu schwer auf Jesu Heimat lasteten und die auch zu seiner Hinrichtung beigetragen haben, zur Katastrophe geführt: Die Stadt und das Haus Gottes sind zerstört und jene, denen Stadt und Tempel heilig waren, vertrieben. Diese Katastrophe steht dem Verfasser des Evangeliums und seinen Zeitgenossen vor Augen. Sie will verarbeitet, gedeutet, verstanden werden: Wo ist Gott nun zu suchen?
Als der Hauptmann in Mk 15,39 Jesus qualvoll sterben sieht – es ist jener Moment, in dem der Vorhang reißt und den Blick ins Allerheiligste freigibt -, erkennt er den Menschen Jesus und bekennt ihn als den Allerheiligsten, Gottes Sohn. Damit bringt er zum Ausdruck, worauf es dem Markusevangelium ankommt: In der Gegenwart Jesu wird Gott sichtbar, „öffnet sich“ der Himmel. So gibt die Einheitsübersetzung von 1980 jene Stelle in Mk 1,10 wieder, wo Jesus nach seiner Taufe im Jordan aus dem Wasser steigt und der Geist auf ihn herabkommt. Nur an diesen beiden Stellen, bei der Taufe und beim Tod Jesu, verwendet der griechische Text des Markusevangeliums das Wort schizo, das man mit „spalten“, „trennen“ oder „zerreissen“ übersetzen kann. Die revidierte Einheitsübersetzung verwendet nun beide Male denselben Begriff: In Mk 1,10 reißt der Himmel auf, und in Mk 15,38 reißt der Vorhang im Tempel in zwei Teile. Der Himmel und der Vorhang deuten den verborgenen Gott an, der das Auftreten Jesu begleitet, vom Anfang bis zum Ende. Für Markus ist der Mensch Jesus der Ort, an dem man Gott begegnet. Es ist ein Ort, der sich nur dem Glauben erschließt, denn in der Erzählung von der Taufe Jesu sieht nur Jesus selbst, daß der Himmel aufreißt. Und wer, in absolutem Widerspruch zur jüdischen Überlieferung, im Gekreuzigten Gottes Sohn erkennen und bekennen kann, muß bereits vom Auferstandenen berührt worden sein.
Das Wort schizo begegnet in der Kirchengeschichte als „Schisma“, eine Bezeichnung für die Spaltung von Glaubensgemeinschaften. Das Bekenntnis zum Gekreuzigten als „Christus“ und „Gottes Sohn“ ist Anlaß für das erste und einschneidendste „Schisma“ in der Geschichte der Kirche, die Trennung vom Judentum. Sie war unausweichlich der Erfahrung geschuldet, daß Gottes Option für den Menschen nicht radikal genug gedacht werden kann.
Ob diese Erfahrung jedoch der alten Erwartung des Judentums entspricht, ob mit dem griechischen Begriff des „Christus“ zugleich der maschiach, der jüdische „Messias“ verstanden werden kann, muß offen bleiben, auch wenn sowohl der griechische als auch der hebräische Begriff mit „der Gesalbte“ zu übersetzen sind. Die jüdische Tradition widerspricht hier der christlichen, und die revidierte Einheitsübersetzung von 2016 hat darauf Rücksicht genommen, indem sie in Mk 8,29 Petrus nicht mehr wie bisher antworten läßt: „Du bist der Messias“, sondern: „Du bist der Christus!“ So bekennen sich die Christen zu Jesus dem Auferstandenen. (AP)

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